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Manuskript zu einem Kurzvortrag „Gedanken über die Zukunft der Steinmetzen in Europa” auf der Veranstaltung des Landesinnungsverband Baden des Bildhauer- und Steinmetzhandwerk e.V. am 08. November 2006, am Tag QUATTRO CORONATI, zum „Gedenken an die 4 Gekrönten“, in Freiburg im Breisgau, von Jürgen Prigl

Vor der Vorbereitung meines Vortrages kam mir ein Satz in den Sinn, den ich in Freiburg, wo ich 12 Jahre lebte bevor ich aufgrund einer Internationalen Ausschreibung der Berufung nach Soest gefolgt bin, gesehen habe: „Das Steinmetzhandwerk ist ehrbar und fein, schon Gottes Gesetze schuf man in Stein“. Lieber Pater Donatus, Sie waren, auch zusammen mit Sepp Jakob, für meinen beruflichen Werdegang mit prägend und Ihre Abhandlung über „Die himmlischen Patrone der Steinmetzen“ habe ich wissbegierig gelesen. Besonders spannend waren für mich die Informationen zu den Griechen, denn schon der weise Sokrates war ein Steinmetz.

Herr Landesinnungsmeister Friedolf Fehr, wir beide begegnen uns heute das erste Mal sozusagen in Gestalt, in wichtigen Akten tauchten wir vor 3 Jahren zusammen auf. Dieses Kennenlernen damals hatte es in sich und es ist dienlich als Einstieg in ein Schlaglicht, das ich versuchen will, heute aufzustellen.

Ihr Anruf zu mir am Ende des Jahres 2003 hat mit zu geführt hat, dass in der damaligen Novellierung der Handwerksordnung das Steinmetzhandwerk am Schluss aller Verhandlungen vom Vermittlungsausschuss des Deutschen Bundestages und des Bundesrates von der Anlage B in die A übernommen wurde.

Also ist Fakt, - ob dies manchem passt oder nicht -, ihr Steinmetzen stellt ein Vollhandwerk dar!

Das ist in Deutschland so! Das ist der nächste wichtige Punkt.

Denn in vielen anderen Ländern Europas ist das anders und nicht so!

Am meisten Ähnlichkeit in der Regelung des Handwerks herrscht in Österreich, in Luxemburg und, autonom provinziell geregelt, in Südtirol; andere Länder, z.B. Ungarn, versuchen aufzubauen. Kurz gefasst kann man sagen: in manchen Ländern gibt es gar kein Handwerk als solches, in manchen eines ohne Meisterstatus, im deutschsprachigen Raum Europas eine Handwerksordnung, in der beides geregelt ist.

Der deutschsprachige ist der Sprachraum mit den vergleichsweise meisten Menschen in Europa, was freilich wiederum eine Tatsache ist, der im Geist Europas nicht allzu viel Gewicht beigemessen werden kann, und schon gar nicht –und das ist ganz wichtig- in eine Deutschtümelei geraten darf.

Zurück zur Novellierung der HWO 2003: ein glaubwürdiger Anspruch der Politik, von „schwarz“ und „rot“ gleichermaßen, war der: die deutsche Handwerksordnung zukunftsfähig für Europa zu machen.

Sie merken, verehrte Zuhörer, dass ich in eine Richtung steuere, nämlich in eine rechtliche, gesellschaftliche. Ich könnte hier auch Gedanken äußern über das, was das Steinmetzhandwerk in der Geschichte Europas geschaffen hat: unsere Großkirchen, Dome, Münster, Kathedralen, zu denen die Menschen als Touristen pilgern, weil diese Werke unendlich anziehend bleiben, weil sie Symbole der Identität sind für die jeweiligen Länder, für die Völker und Nationen. Das haben Steinmetzen geschaffen, und es fiele mir als Verantwortlicher einer Dombauhütte leicht, stundenlang darin authentisch, und fern jeden Kitsches, zu schwelgen. Aber es gibt Dringliches:

Der Prozess der Globalisierung birgt, neben einem gesunden Sich-Erledigen von Überholtem, auch Gefahren von schlimmen Verlusten. Er bringt auch Chancen der Gestaltung.

Wir haben uns in Soest in den letzten Jahren bemüht, den Meister im Handwerk der Steinmetzen in Europa zu thematisieren. Einer der vielen Gründe dafür ist, dass ich meine, dass dieses Handwerk dazu im Besonderen befähigt ist: es hat schon im Mittelalter mit dem System der Bauhütten ein internationales Netzwerk entwickelt; ein faszinierender Aspekt in der Zeit des zusammenwachsenden Europa, jedoch absolut nicht gedacht als Möglichkeit der Kopie und Nostalgie.

Die Steinmetzen sind befähigt wegen der Substanz ihres Wissens und Könnens! Ob das alle sind die diese Berufsbezeichnung innehaben spielt hier gar keine Rolle, denn großartige Bauten, kompliziertes Steinwerk, kreative Gestaltung und Bildhauerei gibt es noch immer und wird immer noch beherrscht.

In einer europäischen Gruppe von befreundeten Steinmetzen und den Steinmetzen zugetanen, einflussreichen Personen haben wir am 9. Juli diesen Jahres bewusst ohne Nutzung öffentlicher Fördermöglichkeiten eine Pilot-Maßnahme ins Leben gerufen, die zum Ziel einen EUROPEAN MASTER OF CRAFT hat. Der Aufbau geschah in den letzten Jahren und findet Fürsprecher.

Einhergehend in der Vorbereitung der vorgenannten Initiative kam mir etwas zur Kenntnis, über das ich Ihnen hier berichten will; ich habe mich damit selbst beschäftigt. Es ist Juristisches, also etwas, womit der kreative Mensch sich schwer tut. Es handelt sich um eine große Masse an Papier, ich habe versucht, sie essentiell durchzuarbeiten.

Es geht um:
Die Richtlinie 2005/36/EG des Europäischen Parlamentes und des Rates der Europäischen Union vom 7. September 2005 auf Vorschlag der Kommission nach Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses gemäß dem Verfahren des Artikels 251 des Vertrages in Erwägung nachstehender Gründe über: „die Anerkennung von Berufsqualifikationen“.

In dieser Richtlinie werden, neben vielem Anderem, die Berufe Europas in insgesamt 5 Niveaus eingeordnet, aus denen ich in Auszügen einige Inhalte zitiere:

Das erste Niveau, „a“, stellt ein Befähigungsnachweis von Allgemeinkenntnissen aufgrund einer allgemeinen Schulbildung von Primärniveau oder Sekundärniveau dar.

Das Niveau „b“ bekundet ein Zeugnis, nach Abschluss einer allgemein bildenden Sekundarausbildung mit einem neben dem Ausbildungsgang erforderlichen Berufspraktikum.

Ich sage es Ihnen schon jetzt: in dieses zweitniedrigste Niveau gegenwärtig gehört nach dieser Richtlinie, die im Oktober 2007, also nächstes Jahr, in Kraft treten soll, der Steinmetz, auch der Steinmetz-Meister!

Das dritte Niveau, „c“, bekundet ein Diplom nach Abschluss einer postsekundären Ausbildung, für welche wiederum die Berechtigung zum Hochschulstudium eine Zugangsbedingung ist.

Niveau „d“ beinhaltet den Abschluss eines 3-4-jährigen Studiums an einer Universität oder Hochschule, und

Niveau „e“ ein letzteres von mindestens 4 Jahren. Ein Handwerks-Meister steht also in der zweitniedrigsten Ebene.

Nun gibt es, wie immer, Ausnahmen; auch unter Punkt „c“, in dem sich der Mittelstand, zu dem der Handwerks-Meister dem gesunden Menschenverstand nach wohl gehört, befinden sollte. Die Ausnahmen sind in Anhängen dieser Richtlinie geregelt.

Im Anhang II sind unter 1. zum Beispiel aufgeführt: ein Erzieher, ein medizinisch-technischer Radiologie-Assistent; für Deutschland; -es sind immer erst Länder genannt, darunter dann Berufe. In anderen Ländern sind es wieder andere Berufe, auch manchmal ähnliche.

Und dann, unter 2., unter der Überschrift: „Mester/Meister/Maitre“, - der Begriff ist also doch alles andere als unbekannt, er wird benutzt - , für Deutschland alle diese Folgenden: der Augenoptiker, der Zahntechniker, der Bandagist, der Hörgeräteakustiker, Orthopädiemechaniker, Orthopädieschuhmacher.

Unter 3. ist der „Schifffahrt“ ein eigener Bereich gewidmet.

Unter 4. dann ist aufgeführt der „Technische Bereich“!
  • Für Deutschland stehen in diesem Bereich keinerlei Berufe!
  • Lettland hat z.B. den Lokführergehilfen im Niveau C.
  • Für die Tschechische Republik beispielsweise ist immerhin aufgeführt ein „Mechaniker für die Abgasuntersuchung bei Kraftfahrzeugen“.

Auch, sie hören ganz richtig: der „Restaurator von Monumenten, die kunsthandwerkliche Arbeiten darstellen“; (wohlgemerkt nicht die Hersteller dieser Monumente); ebenso der „Abfallentsorger“ und der „Sprengmeister“. Damit das klar ich: ich halte das schon für richtig; nur: wo bleibt der Deutsche Handwerksmeister, vor allem der aus der Anlage A der neuen HWO!!

Die vorhin schon zitierte „Soester Runde“, aus der die EACD hervorging, hat durch verantwortliche Personen aus 16 Nationen Europas 2001 eine europäische Empfehlung verabschiedet, worin für einen Meister des qualifizierten Handwerks in Europa mehr Geltung gefordert ist. Dies soll gleichsam ein Anreiz sein für die heranwachsende Jugend, sich beruflich zu engagieren, zu ambitionieren und zu entwickeln.

Diese zur Rechtskräftigkeit anstehende, neue EU-Richtlinie, die wohlgemerkt noch nicht in Geltung ist, - und glauben Sie niemandem der sagt, da könne man nichts mehr machen -, diese Richtlinie führt zu einem undurchlässigen Schichtensystem, dessen Negativität in einer niederträchtigen Abgrenzung liegen könnte.

Wertvolle Fertigkeiten und Kenntnisse, für die Kultur der Völker Europas unabdingbar, befinden sich unter dem Durchschnitt, ausgegrenzt von der Mitte. Darüber kann schon gar nicht hinwegtäuschen, dass Betriebsleiter und Selbstständige sich unter Umständen irgendwann im Niveau „c“ wieder finden können. Im Gegenteil, denn das kann allerlei sein und braucht gar keine berufliche Bildung. Gerade für die Teile der Jugend, für die Bildung, Selbstbezug und Identität im Beruf so elementar wichtig wären, spielt es so von vorn herein kaum eine Rolle mehr, in einen zum Teil nur mühsam, mit viel Ausdauer und Zähigkeit zu erlernenden Beruf mit seinen schwierigen Fertigkeiten einen Lebenssinn, eine gute Chance und eine gesellschaftliche Anerkennung zu sehen.

Es helfen hier auch jene Schlaumeier nichts, die schwätzen, in der nächsten Novelle fiele das Handwerk der Steinmetzen ohnehin aus der Anlage A und bald wird es anstelle des Meisters im Handwerk einen Bachellor geben, oder was auch immer, usw.. Der Meister im Handwerk muss in die Mitte, in Ebene „c“ gestellt sein, und für die Deutschen Handwerke nicht nur die der Berufe der Anlage A der HWO.

Die Richtlinie erinnert in diesem Punkt an ein pharaonisches Kastensystem. Sie beinhaltet nicht bloß eine Schichtengliederung, welche richtig formuliert für manchen ein gesellschaftliches Abbild sein kann. Sie stellt schlicht eine Verwehrung von Chancen für bestimmte Menschen dar. Diese können, egal wie sie sich mühen und anstrengen, nicht zur Mitte gehören. So soll Europa eigentlich nicht sein. Es ist absurd, dass angesichts des Wohlstandes Europas in der Welt ein Teil des Mittelstandes erniedrigt wird, dem der gewachsene Wohlstand und der gesellschaftliche soziale Frieden mit zu verdanken ist.

Die Menschen, über die mit Regelungen geregelt wird, sollten eine Rolle spielen wollen und dürfen für die Regelungen, die sie betreffen.

Die Richtlinie muss berichtigt werden. Dafür muss gekämpft werden und es ist höchste Zeit für das Handwerk sich international aufzumachen. Der Versuch lohnt in jedem Fall, denn es macht grundsätzlich Freude, für das Richtige einzustehen. Zum master of science und zum master of arts muss ein master of craft gestellt werden. Ich appelliere dafür und bewusst am Tag QUATTRO CORONATI in Freiburg im Breisgau: wenn richtig gekämpft wird, dann wird gewonnen.


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